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Geh aus mein Herz und suche Freud

Als Thema für das Geleitwort dieses Gemeindebriefes fiel mir eines der bekanntesten Lieder in unserem evangelischen Gesangbuch ein: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ von Paul Gerhardt, der von 1607 bis 1676 lebte und als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter von Kirchenliedern gilt. Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Melodie des Liedes immer wieder geändert – 40 verschiedene Melodien wurden nachgewiesen, 15 wurden ausschließlich für diesen Text komponiert.

Die heutige, uns allen geläufige Melodie hat schon fast den Charakter eines Volksliedes und lässt die Tiefe des Textes nicht sofort erkennen – „kirchliches Sommerlied“ bzw. „kirchlicher Sommergesang“ sind die Beschreibungen. Jedoch lohnt es sich, genauer hinzusehen. Warum soll das Herz (r)ausgehen und Freude suchen? Das kann doch nur bedeuten, dass es jemandem nicht gut geht, dass ihm oder ihr die Freude am und im Leben abhanden gekommen ist.

Paul Gerhardt lebte in einer Zeit, die geprägt war von Pest, Pocken, Ruhr und Krieg – in gewisser Weise erfahren wir gerade Parallelen. Hinzu kam bei ihm die Trauer um gestorbene Familienmitglieder – wie auch immer wieder in unserer Kirchengemeinde. Es fiel Paul Gerhardt sicher schwer, wie wohl einigen von uns auch, in einer so düsteren Zeit das Schöne wahrzunehmen und nicht mit seinem Glauben zu hadern.

Eines Tages hat er offenbar für sich den Entschluss gefasst, nach draußen zu gehen, sein Herz wieder zu öffnen und die schönen Dinge, die Gaben Gottes, in seiner Umgebung wieder bewusst wahrnehmen zu wollen: Das Laub der Bäume, Tulpen, Narzissen, Lerche, Taube, Nachtigall, Glucke und Küken, Storch, Schwalbe, Hirsch, Reh, Bäche, Wiesen, Schafe, Bienen, Weinstöcke, Weizen – die ganze bunte Palette der lebenden Natur präsentiert uns Paul Gerhardt und wir besingen sie in den ersten sieben Strophen immer wieder gern. Dabei entstehen wunderschöne Bilder in unseren Köpfen. Allein die Kraft der Bilder, in Verbindung mit der eingängigen Melodie des Liedes, hebt bereits unsere Stimmung.

Paul Gerhardt hat sich von seinen Eindrücken mitreißen lassen. Auf einmal war die Welt um ihn herum nicht mehr nur düster und angstmachend. Er hatte sich mit seinem (R)ausgehen praktisch an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf der Traurigkeit gezogen. In der achten Strophe des Liedes ist das deutlich zu spüren. Wem geht dabei nicht das eigene Herz auf?

„Ich selber kann und mag nicht ruhn,

des großen Gottes großes Tun

erweckt mir alle Sinnen;

ich singe mit, wenn alles singt,

und lasse, was dem Höchsten klingt,

aus meinem Herzen rinnen.“

Alles Liebe und viel Freude in dieser Zeit – trotz(t) allem,

Martina Goetzke