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„Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

So lautet der Abschluss des bekannten Gedichtes „Stufen“ von Hermann Hesse. Und Abschied nehmen nach über 30 Jahren Dienst als Seelsorger, als Pfarrer, als Begleiter, Weggefährte und Freund in Denstorf, Klein- und Groß Gleidingen, das fällt mir wahrlich nicht leicht.

Denn in dieser langen Zeit ist besonders Denstorf mit seinem großen Pfarrhaus und Pfarrgarten mir, meiner Frau Christiane und unseren Kindern Malte, Niclas und Eike zu einer wirklichen Heimat geworden. Hier erlebten wir als junge Familie, als „Pfarrers“ – so wurden wir als Theologenehepaar damals oft benannt -, wie auch diesem Anfang im Rückblick „ein Zauber inne wohnt, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“. So drückt es Hermann Hesse aus.

Voller Dankbarkeit erinnere ich mich, wie wir in den Gemeinden mit offenen Armen empfangen wurden und als Pfarrstellenteiler zugleich „Kinder, Küche und Kirche“ – Familie und Beruf – teilen und so auch ein emanzipatorisches Modell erproben konnten.

Über 12 Jahre haben meine Frau und ich viele pfarramtliche Aufgaben geteilt und einen besonderen Schwerpunkt der Gemeindeentwicklung in der Kinder- und Jugendarbeit gefunden.

Zum einen entstand damals der Pfadfinderstamm Aurinko innerhalb der Christlichen Pfadfinderschaft mit zeitweise über 100 Mitgliedern in 10 Gruppen. Vor drei Jahren konnten die Aurinkos ihr 25- jähriges Bestehen feiern.

 

Und zum anderen begann 1992 das alternative Konfirmandenunterrichtsmodell KFS in unseren Gemeinden. Über 25 Mal sind wir in den ersten drei Sommerferienwochen mit einem tollen Team von Jugendlichen nach Südtirol gefahren und haben bis 2019 in Aldein auf dem Mösslerhof fast eine zweite Heimat gefunden.

Voller Dankbarkeit blicke ich auf die gemeinsamen Erlebnisse mit den Teams, den Pfadis und den Konfis zurück und freue mich, dass wir zusammen im „learning by doing“ Glaubens- und Gemeinschaftserfahrungen machen konnten, die für viele Generationen von Kindern und Jugendlichen hoffentlich erfüllend und hilfreich für’s weitere Leben werden konnten.

Und gewiss gehört da auch der Kindergottesdienst mit seiner über 40-jährigen Tradition und einem stetig erneuerten Team dazu, das Inhalte des christlichen Glaubens mit viel Kreativität und Ideen zu vermitteln versucht.

Wie sehr habe ich aber auch die Kontinuität unserer Frauenhilfen bewundert, die ihrem Motto auch in kleiner werdenden Kreisen dennoch immer treu geblieben sind. Wie dankbar konnten wir da vor drei Jahren sogar auf 100 Jahre Frauenhilfe in Groß Gleidingen zurückblicken!

Wie segensreich habe ich auch den Besuchsdienst unseres Diakonieausschusses in all den Jahren erlebt. Auch und gerade hier fand so viel „Gottesdienst im Alltag der Welt“ statt, sei es im Gespräch mit der Jubilar*in, sei es beim Krankenbesuch oder in der Begleitung pflegebedürftiger Menschen.

Für mich gehört es mit zu den schönsten Erfahrungen im Berufsleben, dass ich sechs Vikar*innen als Mentor in unseren Gemeinden zur Ausbildung als Pfarrer*in begleiten konnte und so die Veränderungen auch im Berufsbild stets miterleben und selbstkritisch mit den eigenen Vorstellungen ins Gespräch bringen konnte. Auch da wurde es immer wieder die entscheidende Aufgabe, zu gestalten, wie der Inhalt, die frohe Botschaft von Gottes Liebe mitten unter uns in Jesus Christus bei aller Veränderung der Form bleibende Kraft gewinnt.

Natürlich blicke ich auch dankbar auf unser gottesdienstliches Leben zurück: Auf die vielen „besonderen Gottesdienste“, zum Beispiel die Gesprächsgottesdienste oder unser „jüngstes Kind“, die Taizé-Gottesdienste. Und wieviel Freude bereiteten mir die Karnevalsgottesdienste mit gereimter Predigt!

Aber ich denke auch an Taufgottesdienste – gerade auch in unserer kleinen, aber feinen Groß Gleidinger Kirche oder in Südtirol bei Sonnenaufgang mit Blick auf die Dolomiten. Ich denke an die Konfirmationen – lange Zeit mit einem Ad-Hoc Elternchor. An Trauungen, Trauergottesdienste und Kirchentage mit vielen Pfadi-Helfern, die Weihnachtsmärkte, die lange Tradition des Lebendigen Adventskalenders und so viele unterschiedlichste Konzerte von Jazz über Klassik bis hin zu Singegottesdiensten mit Gitarrenkreis und Pfadis oder mit der Chorgemeinschaft. Und so oft mit der wunderschönen Königin der Instrumente, unserer Denstorfer Orgel.

Und was haben wir nicht alles gebaut, renoviert und neu gestaltet. Von einer neuen Turmbekrönung der Groß Gleidinger Kirche über neue Wasserstellen auf zwei Friedhöfen bis hin zur Sanierung des Nebengebäudes des Pfarrhauses besonders durch die Pfadis, nenne ich nur ein paar Beispiele. Das alles ging aber nur durch so viele von Euch und Ihnen, die tatkräftig mit zupackten!

Gott sei Dank von ganzem Herzen für alles, was da zum Wohl und zum Segen für unsere Gemeinden hat werden und wachsen können, oft auch ganz im Verborgenen!

Und Euch und Ihnen, liebe Mitarbeiter*innen, ebenso herzlichen Dank! Ohne Euch/Sie wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Da möchte ich besonders unsere Kirchenvorsteher*innen hervorheben, die in großer Einmütigkeit und mit viel Engagement über so viele Jahre diese „Reich Gottes-Arbeit“ getragen, begleitet und unermüdlich gefördert haben. Und wie schön und auch bestätigend war es für mich, dass wir fast immer „an einem Strang“ gezogen haben. Natürlich braucht solch ein Gemeinsinn auch mehr Zeit, Zeit für das intensive Gespräch, fürs Abwägen und Kompromisse finden. Vielen Dank Euch für alle Geduld, alles Mittragen und Mittun zum Wohle unserer Gemeinden.

Bei diesen Abschiedsworten will ich aber auch die mindestens letzten 10 Jahre der Veränderungsprozesse besonders innerhalb unserer Kirche nicht unterschlagen, die uns oft an den Rand des Erträglichen gebracht und auch mir viel zusätzliche Kraft und Zeit abverlangt haben, die mehr und mehr für die eigentlich seelsorgliche Arbeit fehlte. Und da ist es schon bitter, dass letztlich angesichts des massiven Bedeutungsverlustes von Kirche und christlichem Glauben in unserer Gesellschaft wir als Gemeinden mit Zusammenlegungen wie den „Gestaltungsräumen“ irgendwie leben lernen müssen und die Pfarrstelle, die ich noch bis Ende Oktober innehabe, nicht wieder besetzt werden wird.

Sicherlich ist das auch für unser Gemeinde ein tiefer Einschnitt und etliches von dem, was sich über viele Jahrzehnte hat entwickeln können zu einem lebendigen Gemeindeleben, wird so wohl nicht weiterbestehen. Aber auch hier, wie bei so vielen anderen Traditionsabbrüchen und Abschieden wächst uns als Christen eine Hoffnung und eine Zuversicht zu, die uns „gesunden“ lässt zu einem Neuanfang, einem „Anfang, der uns beschützt und der uns hilft“ zu einem Leben in der Liebe Gottes. So verstehe ich Hesses Stufengedicht zu meiner Verabschiedung in den Ruhestand auch als Ermutigung für uns alle:

Abschied und Anfang sind umgeben und getragen von der Heimat Gottes, seinem Reich der Liebe mitten unter uns. Darauf können wir vertrauen und bauen. Und dieses Vertrauen verbindet alle Abschiede und alle Neuanfänge. Es verbindet uns auch über alle Entfernungen hinweg und macht uns gesund, die Liebe Gottes in Wort und Tat zu empfangen und weiter zugeben. Egal, welche Stufe des Lebens wir gerade erreicht haben.

Ich wünsche uns allen, dass wir diesen Anfang des Vertrauens immer wieder neu wagen, auf dass das Reich der Liebe Gottes mitten unter uns wachse, auch gegen den Trend und den Augenschein, und wir dort Heimat finden und bewahren.

Es grüßt Sie und Euch in herzlicher Verbundenheit

Ihr / Euer Pfarrer

Johannes Büscher

 

Jesus Christus spricht: „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter Euch.“